Unsere Körper sind Schlachtfelder: Sexuelle und reproduktive Rechte in Kolumbien 

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Von Catalina Ruiz-Navarro

Was hat der Zugang zu sexuellen und reproduktiven Rechten mit Gewalt gegen Frauen zu tun? Beides macht deutlich, welchen Platz Frauen in einer Gesellschaft haben. Zudem ist es ist nicht möglich, langfristig das Recht auf ein Leben ohne Gewalt zu sichern, solange sexuelle und reproduktive Rechte nicht ausreichend garantiert sind. Nationale und internationale Politik negiert diesen Zusammenhang aber oft, und implementiert Programme, die sexualisierte und genderspezifische Gewalt verringern sollen, ohne das Thema Gesundheitspolitik mit einzubeziehen, um Auseinandersetzungen mit konservativen Gruppen zu vermeiden. 

Der Kampf für das Recht auf Abtreibung und für die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen in Lateinamerika basiert auf der augenscheinlich revolutionären Idee, dass Frauen autonome Menschen sind – mit der Fähigkeit zu entscheiden, was für ihr eigenes Leben das Beste ist. Das schließt das Recht ein, frei entscheiden zu können, Mutter zu werden oder nicht, ohne dass die Gesellschaft ihr diese Lebensentscheidung aufzwingt. Frauen als ebenbürtige Bürgerinnen anzuerkennen, bedeutet, ihnen uneingeschränkten Zugang zu allen Rechten zu gewähren, einschließlich des Rechts auf ganzheitliche Gesundheit, auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit und auf das Recht auf Leben. Die Tatsache, dass Frauen in Kolumbien – ein Land, in dem die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen massiv eingeschränkt sind – noch immer für das Recht auf Entscheidungsfreiheit kämpfen müssen, zeigt, dass sie noch keine volle Staatsbürgerschaft besitzen und nicht als ebenbürtige Menschen anerkannt werden: Sie dienen als Instrument zur Fortpflanzung und zur Festigung einer Herrschaftsordnung, die durch sexualisierte Gewalt inmitten von Konflikten aufrechterhalten wird. 

Obwohl Abtreibungen in Kolumbien unter drei Bedingungen (Anm. der Redaktion: wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist, der Fötus schwere Missbildungen aufweist oder eine Vergewaltigung oder Inzest nachgewiesen werden kann), wurde der Zugang zu diesem Recht in den letzten 13 Jahren sehr selten gewährleistet. Besonders problematisch ist die Lage für Frauen in entlegenen ländlichen Gebieten. Dies ist auf den mangelnden politischen Willen der kolumbianischen Regierung zurückzuführen, dieses Recht zu gewährleisten. Sie spiegelt somit die gesellschaftlich weit verbreitete Überzeugung wieder, dass Embryonen, Föten oder andere Stadien potenziellen menschlichen Lebens mehr wert sind als das Leben von Frauen. Obwohl Abtreibung legal ist und obwohl die kolumbianische Verfassung Frauen als gleichberechtigt bezeichnet, sind sie in der Praxis noch immer Bürgerinnen zweiter Klasse.

Sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie

Die Zahlen über sexualisierten Gewalt während des Kolumbien-Konflikts, der seit Mitte der 1960er Jahre bis zum Waffenstillstand im Jahr 2016 währte, zeigen, dass vor allem Frauen auf dem Land zu den Kriegsopfern zählten. Laut der Umfrage „Sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Kontext des bewaffneten Konflikts in Kolumbien 2001-2009“ wurden in diesen neun Jahren 489.687 Frauen Opfer sexualisierter Gewalt. Sexualisierte Gewalt umfasst hierbei Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Zwangsschwangerschaft, Zwangsabtreibung, Zwangssterilisation, sexuelle Belästigung, Zwangsdienste im Haushalt sowie die Regulierung des sozialen Lebens. Laut dem Bericht (2013) über Gewalt gegen Frauen von der Nichtregierungsorganisation Sisma Mujer wurde in Kolumbien alle 30 Minuten eine Frau Opfer sexualisierter Gewalt und alle drei Tage im Rahmen innerfamiliärer sexualisierter Gewalt ermordet. Hinsichtlich des bewaffneten Konflikts zeigt der Sisma-Bericht, dass die Zahlen weiterhin alarmierend sind: 2013 wurden jeden Monat fünf Frauen im Kontext des Konflikts Opfer von sexualisierter Gewalt; 2011 waren es jeden Monat elf. Hierbei handelt es sich nur um die registrierten Fälle. 

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist seit den Zeiten der Ilias von Homer eine Kriegsstrategie. Und doch haben wir viel zu viele Jahre gezögert, Frauen als Bürgerinnen und eigene, freie Personen anzuerkennen. Wenn sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie genutzt wird und sexuelle und reproduktive Rechte unzureichend garantiert sind, führt das in vielen Fällen zu erzwungener Mutterschaft. Frauen müssen dann Kinder allein erziehen, die das Ergebnis eines Krieges sind. Kinder, die unter Armut und Gewalt leiden und aufwachsen, werden ebenfalls zu Kriegsobjekten oder zu Frauen, deren Körper wieder zu Kriegsschauplätzen werden. Wir können diesen Kreislauf von Gewalt und Armut nur dann unterbrechen, wenn nur das Symptom der Gewalt behandelt wird und Frauen als vollwertige Rechtssubjekte anerkannt werden.

Nach dem Friedensabkommen 

Das Friedensabkommen aus dem Jahr 2016 hat die Spielregeln in Kolumbien grundlegend verändert: Die Frauen der Ex-Guerilla FARC erlebten nach der Beilegung des Konfliktes einen Boom erwünschter Mutterschaften, der jedoch für den kolumbianischen Staat so überraschend war, sodass keine angemessene Unterstützung für die Versorgung dieser neuen Mütter und ihrer Kinder bereitgestellt wurde. Wenn diese Frauen, die sich wieder in das zivile Leben integrieren wollen, jedoch nicht entsprechend betreut und unterstützt werden, kann der Kreislauf von Armut und Gewalt, nicht nachhaltig unterbrochen werden. Die Beendigung unerwünschten Mutterschaften ist ein erster Schritt, um den Gewaltzyklus zu durchbrechen. Der Zugang von Frauen zu sexuellen und reproduktiven Rechten ist daher auch deshalb so wichtig, weil er sich direkt auf das Wohlbefinden einer ganzen Bevölkerungsgruppe auswirkt, für die Frauen den größten Teil der Pflege- und Erziehungsarbeit leisten – die der Kinder. 

Gewalt ist immer sexistisch und entsteht nicht spontan: Sie gedeiht in prekären Verhältnissen, in denen insbesondere Frauen keine reproduktive Autonomie haben. „In Kolumbien ist es gefährlicher, eine Frau zu sein als ein Soldat“ – das war die provokante Aussage, die die kolumbianische Delegation auf dem Weltgipfel gegen sexualisierte Gewalt in Konflikten der 2014 in London stattfand, mehrfach wiederholte. Auch der damalige britische Außenminister William Hague, der zusammen mit Angelina Jolie den Gipfel eröffnete, wiederholte diesen Satz während seines Besuchs in Kolumbien im Februar desselben Jahres, nachdem er von der hohen Rate von sexualisierter Gewalt gegen Frauen im Konflikt erfuhr.

Doch leider besteht die Situation der Entmenschlichung und Unterordnung von Frauen auch nach Beendigung des Kolumbien-Konfliktes weiter fort. So gibt es in Kolumbien jährlich immer noch zwischen 1.200 und 1.500 Femizide („Frauentötungen“), die nicht mehr mit dem bewaffneten Konflikt in Verbindung gebracht werden können. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 starben 361 kolumbianische Sicherheitskräfte, die im Dienst getötet wurden. Natürlich können diese Zahlen nicht einfach so gegenübergestellt werden; sie sind weder gleichwertig noch proportional. Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den betroffenen Gruppen: Im Gegensatz zu Frauen, die Opfer von Gewalt werden, entscheiden sich Soldaten freiwillig dafür, zu kämpfen und sind darauf vorbereitet, anzugreifen und sich zu verteidigen.

Internationale Unterstützung notwendig 

Der feministische Kampf wird von Frauen geführt, die sich dafür einsetzen, dass sie endlich voll und ganz als Rechtssubjekte und als autonome Menschen mit einem eigenen Wert anerkannt werden. Dieses Ziel ist erst dann erreicht, wenn die Herrschaft des Patriarchats, die auf sexualisierter Gewalt, Femiziden und Zwangsmutterschaft basiert, erfolgreich bekämpft wird. Nur durch die volle Anerkennung der Menschenwürde von Frauen werden ihre Körper endlich nicht mehr ein Mittel zum Zweck oder gar Schlachtfelder sein. Und genau hier spielt die internationale Politik eine wichtige Rolle: Sie muss ein Land wie Kolumbien durch internationale Zusammenarbeit unter Druck setzen und auf die uneingeschränkte Umsetzung der Menschenrechte von Frauen plädieren. Dies ist ein wichtiger Schritt zum Aufbau einer Gesellschaft, die nicht mehr länger auf Gewalt basiert. 

Internationale Standards für die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen existieren bereits: Ein gutes Beispiel hierfür ist das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW; kurz Frauenkonvention) der Vereinten Nationen von 1981. Und doch müssen die Maßnahmen dieses Abkommens noch in der Realität umgesetzt werden. Außerdem kann die internationale Staatengemeinschaft neue Bevölkerungsgruppen von Frauen und Müttern, wie die ehemaligen Guerillakämpfer*innen der FARC und ihre Familien, finanziell unterstützen.

Wenn einem Staat wie Kolumbien, der Frauen nicht als autonome Bürger anerkennt, internationale Unterstützungsgelder zur Verfügung gestellt werden, besteht allerdings auch die Gefahr, dass sich diese Staaten die Hände reinwaschen: sie können Programme unterstützen, die angeblich Gewalt gegen Frauen einschränken, ihnen jedoch keinen Zugang zum sozialen Leben, zu Gesundheit und zur freien Entfaltung der Persönlichkeit ermöglichen. So werden Frauen wiederrum zu Untertänigkeit und Abhängigkeit gegenüber dem Staat gezwungen. Internationale Hilfe kann und sollte dementsprechend auch grundlegende Änderungen in der Politik wie zum Beispiel Unterstützung bei der Ausbildung von Beamt*innen fordern, die dazu beitragen kann, eine feministische Politik zu verfolgen. Ein von Männern geprägter Staat wird die Gewalt und Unterdrückung, mit der Frauen tagtäglich konfrontiert sind, niemals verstehen und erfolgreich bekämpfen können. 

Es ist ein Zeichen von tiefer sozialer Entmenschlichung, wenn sich eine Gesellschaft dazu berechtigt fühlt, Frauen zu zwingen, Mütter zu sein, und ihre Körper als Kriegsbeute einzusetzen. Genau diese Entmenschlichung ist der Ursprung aller Formen sexualisierter Gewalt, die Frauen in Kolumbien erleben. Deshalb sind alle Fortschritte im Rahmen der Anerkennung unserer Menschenwürde und unserer realisierten Staatsbürgerschaft nur dann wahre Fortschritte, wenn sie auch unsere Rechte auf Gesundheit und auf ein Leben frei von Gewalt beinhalten. 

Aus dem Spanischen von Raina Zimmering 

This article has been originally published by WeltTrends e.V. in its 149 edition on Feminist Foreign Policy.


Catalina Ruiz-Navarro kolumbianische Journalistin und feministische Aktivistin, die in Mexiko ansässig ist. Sie ist Chefredakteurin des lateinamerikanischen Magazins Volcánica und hat den TV-Sender Amazona TV mitbegründet. 


Editorial CFFP