Das Patriarchat und die nukleare Abschreckung 

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Von Nina Bernarding und Birte Vogel

Anfang Februar haben die USA und Russland nacheinander den INF-Vertrag ausgesetzt. Vorab hatten beide Staaten angekündigt, bei einem Ende des Vertrags atomar aufzurüsten. Der 1978 geschlossene Vertrag beendete den nuklearen Stationierungswettlauf der USA und der Sowjetunion in Europa; er gilt als ein Schlüsselelement für die europäische Sicherheitsordnung. Nun bleibt eine sechsmonatige Kündigungsfrist, um den Vertrag doch noch zu retten. Eine feministische Analyse hilft verstehen, warum atomare Aufrüstung noch immer Teil der Außenpolitik der Großmächte ist. 

Seit 2014 beschuldigen die USA Russland, den INF-Vertrag zu verletzen. Ende Dezember 2018 warfen auch die Außenminister*innen der NATO-Staaten Russland vor, landgestützte Marschflugzeuge mit einer Reichweite von 2.600 km entwickelt und erprobt zu haben. Die Putin-Administration weist die Vorwürfe zurück und wirft ihrerseits den USA Vertragsbruch vor. Wie zu Zeiten des Kalten Krieges wird auch jetzt nukleare Aufrüstung mit mehr Sicherheit und Stabilität gleichgesetzt, denn nur durch Abschreckung könne die Krise „kalt“ gehalten werden. Die neue Nuklearstrategie der US-Administration von 2018 sieht den Ausbau von „kleineren Atomwaffen“ vor, was als „mainstream nuclear policy“ beschrieben wird. Diese würden Präsident Putin abschrecken und einen Krieg weniger wahrscheinlich machen. [1] 

Gleichzeitig wächst der Widerstand der Abrüstungsbewegung, die die Abschreckungslogik zurückweist und kritisiert, dass diese zu einem Sicherheitssystem geführt habe, das extreme Risiken für die gesamte Menschheit und Umwelt in Kauf nimmt. Organisationen wie die Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen (ICAN) oder auch die Women’s International League for Peace and Freedom setzten sich für eine atomwaffenfreie Welt ein und waren maßgeblich daran beteiligt, dass die UN-Generalversammlung 2017 den Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen verabschiedete. Seit Ende des Kalten Krieges galt die atomare Bedrohung zwischen den ehemaligen Supermächten als rückläufig. Wie ist es dann zu erklären, dass atomare Aufrüstung und die Doktrin der nuklearen Abschreckung wieder Teil der Großmachtbeziehungen geworden sind? 

Wer hat den Größten? 

Um diese Frage zu beantworten, hilft eine feministische Analyse der Debatte um atomare Rüstungskontrolle und der vorherrschenden Verständnisse von Sicherheit und Macht. Eine solche Analyse verdeutlicht, warum ehrliche Diskussionen über Abrüstung und die humanitären Konsequenzen von Atomwaffen noch immer schwierig sind und wie es den Kernwaffenstaaten gelingt, die Debatte um nukleare Aufrüstung zu kooptieren.

Anfang 2018 twitterte US-Präsident Trump als Reaktion auf die Machtdemonstration des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-Un: „…I too have a Nuclear Button, but it is a much bigger & powerful one than his, and my button works. Mit dieser Aussage verdeutlicht der US-Präsident, wie sehr die Debatten um atomare Auf- und Abrüstung von genderstereotypen Vorstellungen beeinflusst sind. Das vorherrschende Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit in Gesellschaften beeinflusst politische und gesellschaftliche Diskurse und kann Argumente ab- und aufwerten: In den meisten Kulturen wird Männlichkeit mit Stärke, Rationalität und Mut gleichgesetzt und somit positiv konnotiert. Feminität hingegen ist oft gleichbedeutend mit Schwäche, Irrationalität und Schutzbedürftigkeit. Der Mann ist der verantwortungsvolle Beschützer, während Frauen als hilflos zu beschützen gelten. In diesem (toxischen) Verständnis von Männlichkeit ist die Bereitschaft, militärisch zu kämpfen und andere Menschen zu töten, essenziell, um ein „richtiger Mann“ zu sein. Indem nukleare Macht mit männlicher Potenz und Stärke gleichgesetzt werden, wird sie nicht nur positiv konnotiert, sondern dient der absoluten Machtdemonstration, denn sie garantiert die Fähigkeit des Staates, die eigene Bevölkerung zu beschützen. Dadurch wird die Sicherheit könne des Staates mit nuklearer Macht gleichgesetzt: Nur durch den Besitz von Atomwaffen kann die nationale Sicherheit gewahrt werden. [2,3]

Gleichzeitig diskreditiert dieses Narrativ nukleare Abrüstungsbestrebungen als realitätsfern, weiblich und somit schwach, weil es die Fähigkeit des Staates zu beschützen, untergräbt. Die ehemalige US-amerikanische Botschafterin zu den Vereinten Nationen, Nikki Haley, verdeutlichte dies in ihrer Rede in der UN-Generalversammlung anlässlich der Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag beispielhaft: „First and foremost I’m a mom, I’m a wife, I’m a daughter.” Und “as a mom, as a daughter, there’s nothing I want more for my family than a world without nuclear weapons. But we have to be realistic...Today when you see those walking into the General Assembly to create a nuclear weapons ban, you have to ask yourself, are they looking out for their people? Damit verknüpft Haley ihre Existenz als Frau und Mutter mit dem Wunsch nach Abrüstung. Diesem stellte sie aber einen „realistischen“ Entwurf einer Welt entgegen, in der Atomwaffen als notwendiges Mittel zum Schutz der Bevölkerung gelten. [4]

Sicherheit bedeutet nicht gleich Sicherheit

Dieses auf Geschlechterstereotypen basierende Narrativ führt dazu, dass Verhandlungen zum Thema Sicherheit zu Verhandlungen über nukleare Aufrüstung werden. Dadurch können nicht nur die immensen Kosten für die Modernisierung atomarer Arsenale gerechtfertigt werden, sondern auch umfassende Diskussionen über die humanitären und ökologischen Konsequenzen eines Kernwaffeneinsatzes erschwert werden. Es ist daher keine Überraschung, dass die katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen in den internationalen Verhandlungen bis vor wenigen Jahren kaum Beachtung gefunden haben [5]. Lange wurden die Folgen der Atomwaffenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki kleingeredet und die Langezeitwirkungen nuklearer Detonationen auf Mensch, Umwelt und Klima vernachlässigt. Dieses Ausblenden von Realitäten wird in der feministischen Analyse als „gaslighting“ bezeichnet: Es dient dem Machterhalt patriarchaler Strukturen, indem marginalisierten Bevölkerungsgruppen suggeriert wird, dass ihr Erlebtes nicht existiert oder irrelevant sei [2]. Erst auf der 2010 Review Conference on the Treaty on the Non-Proliferations of Nuclear Weapons erkannten die Kernwaffenstaaten explizit die katastrophalen humanitären Konsequenzen an, die auf einen Kernwaffeneinsatz folgen würden [6]. Diesem Bekenntnis war die Arbeit vieler Organisationen wie Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW), ICAN und Reaching Critical Will vorausgegangen, die immer wieder die Folgen eines Nuklearwaffeneinsatzes (oder -unfalls) thematisiert und dem auf nationale Interessen beschränkten Sicherheitsbegriff den der menschlichen Sicherheit entgegenstellt haben. Dieser erkennt den oder die Einzelne*n als Adressat*in von Sicherheit an. Dadurch wird das auf der Abschreckungslogik bestehende Sicherheitssystem, dass das potenzielle Leid von Millionen Menschen ausblendet, grundsätzlich hinterfragt. 

Patriarchaler Machterhalt

Das Narrativ „Männlichkeit-Stärke-Atomwaffen“ führt auch dazu, dass Atomwaffen für Nicht-Kernwaffenstaaten attraktiv bleiben, weil sie als Eintrittskarte in den Club der mächtigsten Staaten gesehen werden. Der Atomwaffensperrvertrag, der Grundpfeiler internationaler Rüstungskontrolle, teilt die Unterzeichner in Staaten ein, die Kernwaffen besitzen (dürfen), und solche, die keine erwerben dürfen. Dass die fünf anerkannten Kernwaffenstaaten auch die fünf permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats sind, ist dabei kein Zufall, sondern hilft zu verstehen, warum alle Kernwaffenstaaten trotz ihrer öffentlichen Bekenntnisse zu nuklearer Abrüstung aktuell ihre atomaren Arsenale modernisieren anstatt abbauen. Solange der Besitz von Atomwaffen eng mit internationaler Vormachtstellung verknüpft ist, werden die Kernwaffenstaaten nicht vollständig abrüsten. Gleichzeitig werden andere Staaten immer versuchen, Kernwaffen besitzen zu dürfen, da atomare Macht durch ihre Exklusivität aufgewertet wird. 

Um diese Vormachtstellung aufrecht zu erhalten, wenden die Kernwaffenstaaten eine Strategie an, die Ray Acheson, Direktorin von Reaching Critical Will, als Adaptive Disarmament bezeichnet. Ray bezieht sich dabei auf die Arbeit von Cynthia Enloe, die beschreibt, wie das patriarchale System die Bewegungen und Diskurse kooptiert, die ihre Interessen gefährden. Adaptive Disarmament beschreibt die Strategie der Kernwaffenstaaten, offiziell ihre Unterstützung einer atomwaffenfreien Welt zu bekräftigen, aber zu versuchen, dies durch solche Maßnahmen zu erreichen, die sie nicht dazu zwingen, komplett abzurüsten, sondern in erster Linie andere Staaten daran hindern, Atomwaffen zu erwerben, wie etwa durch die Stärkung von Nichtverbreitungsmaßnahmen oder den Einsatz für neue Rüstungskontrollverträge. Dadurch erhalten die Kernwaffenstaaten die internationale Ordnung, die sie privilegiert.

Die Macht der Inklusivität

Dass das Narrativ von „Männlichkeit-Stärke-Atomwaffen“ sich noch immer halten kann, liegt auch daran, dass die Debatten um internationale Rüstungskontrolle mehrheitlich von weißen Männern in geheimen Räumen geführt werden. Eine Analyse der NGO Article 36 aus dem Jahr 2015 zeigt, dass lediglich ein Viertel der Delegierten Frauen sind und nur ein Fünftel aller Erklärungen von Frauen gegeben werden. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern von fehlerhaften Analysen und Politikentscheidungen: Unterschiedliche politische Gruppierungen haben unterschiedliche Sicherheitsbedürfnisse. Das gilt für Zeiten von Krieg eben wie für die Folgen eines Nuklearwaffeneinsatzes: Frauen sind zum Beispiel doppelt so anfällig wie Männer durch radioaktive Strahlung an Krebs zu erkranken; das Risiko von Tot- und Fehlgeburten ist erheblich. Die Krise und die Vertreibung, die einem atomaren Angriff folgen würde, würde zu dem die Gefahr von sexualisierter Gewalt ansteigen lassen [7]. Diese Perspektiven fehlten bisher in den internationalen Abrüstungsdebatten. Erst der 2017 verabschiedete Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons, den Deutschland bisher nicht unterzeichnet hat, erkennt die unverhältnismäßigen Auswirkungen von Atomwaffen auf Frauen an [8,9].

Eine feministische Außenpolitik eröffnet den Raum für außenpolitische Veränderungen, die den „nuklearen Status quo“ herausfordern – indem sie die Grundannahmen der Debatte über nukleare Auf- und Abrüstung hinterfragt, die Konsequenzen für Mensch und Umwelt klar benennt und aufzeigt, wie dringend Stimmenvielfalt in dieser internationalen Debatte ist. 

This article has been originally published by WeltTrends e.V. in its 149 edition on Feminist Foreign Policy.


Nina Bernarding geb. 1987, Geschäftsführerin des CFFP in Deutschland.

Birte Vogel seit 2017 Vorstandsmitglied von ICAN Deutschland. Dort beschäftigt sie sich mit den humanitären Folgen von Atomwaffen sowie Gender als analytische Perspektive auf nukleare Abrüstung. Sie studiert im letzten Semester Medizin an der Universität Hannover und hat sich zuvor bei IPPNW engagiert.


 [1] Sanger, David E. / Broad, William J. (2018). To Counter Russia. U.S. Signals Nuclear Arms Are Back in a Big Way. The New York Times.

[2] Acheson, Ray (2018) Eine feministische Kritik der Atombombe. Heinrich-Böll-Stiftung.

[3] Reaching Critical Will (2018). Presentation on Gender and Nuclear Weapons.

[4] Reaching Critical Will (2017). Presentation on Patriarchy and Nuclear Weapons at the 2017 NPT Preparatory Committee.

[5] Reaching Critical Will (2018) Presentation on Gender, Weapons, and Power: the Importance of Feminism for Disarmament.

[6] Siehe http://www.icanw.org/campaign/humanitarian-initiative/.

[7] Siehe https://nonukes.nl/the-non-proliferation-treaty-the-gendered-impacts-of-nuclear-weapons/.

[8] WILPF (2017) Women Have Banned the Bomb.

[9] Scheler, Wolfgang (2018): Abschreckungsdoktrin und Gesetz des Atomzeitalters. In: WeltTrends 142, S. 20–24.

Editorial CFFP