Diplomatie, Macht und Aktivismus

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„Niemand weiß so richtig, was das heißen soll,”

kommentierte die Zeitschrift Foreign Policy Ende 2014 mit hochgezogener Augenbraue die Entscheidung Schwedens, ihre Außenpolitik als feministisch zu deklarieren. Margot Wallström, die Außenministerin des Landes, würde wohl Aktivismus mit Diplomatie verwechseln, so oft der Vorwurf.

Und tatsächlich ist es so, dass in der öffentlichen Wahrnehmung Aktivismus und Diplomatie oftmals als komplett unterschiedliche Konzepte verstanden werden. Aktivistinnen und Aktivisten sind Unruhestifter und Querulantinnen, die laut und ohne Rücksicht auf Verluste ihre Ideale durchsetzen wollen. Diplomatisch hingegen verhält sich, wer trotz unterschiedlicher Vorstellungen und Interessen Kompromisse findet, mit denen alle Parteien leben können.  

Als diplomatisch hätte ich mich selbst nicht bezeichnet, als ich mir vor zwei Jahren - wie einige andere hier -  mit führenden Richtern und Rechtswissenschaftlern des Landes während der ‚Nein heißt Nein‘-Kampagne die Argumente um die Ohren schlug. Aber es ging nicht anders, wir mussten das Sexualstrafrecht ändern – und wir gewannen.

Aktivismus und Diplomatie – passt das also zusammen? Und wäre das überhaupt nötig?

Ich selbst hatte lange keine Ahnung, was Diplomatie eigentlich bedeutet. Bei mir zuhause, im ländlichen Bayern und einer Arbeiterfamilie, spielt das auch keine Rolle. Als ich dann die ersten Schritte tat in eine Welt, wie diese hier des politischen Berlins, wurde mir schnell klar, dass die Welt der Diplomatie und internationalen Politik keine weibliche Welt und keine Welt der Arbeiterklasse ist, sondern eine exklusive und männliche.

Doch diese Unnahbarkeit reizte mich, ich studierte Diplomatie im Master an der Universität Oxford.

Die Literaturlisten waren fast ausschließlich männlich und weiß. Im Kurs zu ‚Sicherheitspolitik in fragilen Staaten‘ widmeten wir uns keinen Augenblick lang dem Thema der sexualisierten Gewalt. Dabei ist die Forschung hier eindeutig: Der zuverlässigste Faktor, ob ein Land nach innen oder außen gewaltbereit ist, ist zum einen die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und zum anderen die Rate an Gewalt gegen Frauen. Denn Gewalt gegen Frauen normalisiert jede andere Form von Gewalt.

Grund für diese systematische und fortwährende Missachtung der Erfahrungen sowie Errungenschaften von Frauen in Universitätskursen, Geschichtsbüchern und auf politischen Bühnen ist der sogenannte Androzentrismus. Also die Praxis, dass Männer und die männliche Sichtweise - bewusst als auch unbewusst - als Standard in Politik, Kultur und Geschichte angesehen werden.

Das fing zwar nicht erst im 15. Jahrhundert bei Niccolò Machiavelli an – dem Diplomaten, Politiker und „bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit“ – jedoch bestand auch er darauf, dass Frauen aufgrund ihres “Frauseins” für Diplomatie nicht geeignet seien - so nachzulesen bei der Oxford Dozentin Jennifer Cassidy. Um sich in diplomatischen Kreisen zu beweisen, fehlten ihnen die nötigen “männlichen” Attribute, so Machiavelli (Cassidy 2017). Lange Zeit waren Frauen in den meisten westlichen Ländern grundsätzlich vom diplomatischen Dienst ausgeschlossen: In Deutschland wie Großbritannien war dies bis Ende der 1940er beziehungsweise Anfang der 50er Jahre der Fall.

Obwohl inzwischen in vielen Ländern Frauen sogar fast gleichberechtigt Zugang zur diplomatischen Laufbahn haben, bleiben diplomatische Kreise und Außenpolitik nach wie vor ein von Männern dominierter Kreis.

Betrachtet man nämlich die höchsten diplomatischen Positionen, also die Botschafter*innen-Stellen, ergibt sich weiterhin weltweit ein sehr verzerrtes Bild. Lediglich 16 Prozent der Botschafterinnen und Botschafter der 50 reichsten Nationen sind Frauen. Botschafterinnen werden viel seltener als Botschafter in militärisch starke Länder oder Krisenländer entsandt. Dabei sind es gerade die Posten in Krisengebieten, die die größten Aufstiegschancen versprechen (Towns and Niklasson 2017).

Im Bereich der internationalen Politik werden Frauen weiterhin mit den sogenannten ‚weichen‘ Themen wie Entwicklungshilfe und Frieden assoziiert. Diese Geschlechterstereotype führen dazu, dass vor allem Männer aufsteigen und die wichtigsten und einflussreichsten diplomatischen Entscheidungen treffen.

Ein beeindruckendes Beispiel für das Fehlen von Inklusivität und weiblichen Stimmen im sicherheitspolitischen Bereich ist die Münchner Sicherheitskonferenz. Auch in diesem Jahr kam die große Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem globalen Norden, war alt, weiß und männlich. Diese Teilnehmerschaft versuchte Regeln für eine Welt zu formulieren, in der der Großteil der Bevölkerung weiblich und jünger als 30 Jahre ist sowie zu 85 Prozent außerhalb der USA und Europa lebt (Rotmann 2018).

Auf der nationalen Bühne ist es kaum besser: die Tatsache, dass die Bundesrepublik noch nie eine Außenministerin hatte, ist kein unglücklicher Zufall. Es spiegelt die strukturelle Ausgrenzung weiblicher Stimmen und Ideen in der Diplomatie und dem öffentlichen Bereich im weiteren Sinn wider.  

Eine gerechte Außenpolitik fordert daher nicht deshalb mehr Frauen in Führungspositionen, weil sie per se friedfertiger seien, sondern weil sie die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und ihnen deshalb die Hälfte aller politischen Mandate und Entscheidungspositionen zustehen.

Und genau deshalb brauchen wir Aktivismus in der Diplomatie

Wir brauchen also keine Rosen zum Weltfrauentag. Stattdessen brauchen wir unerschrockene Diskussionen über Macht. Darüber, wer wo wie vertreten ist, wer sprechen darf und wer gesehen und gehört wird. Meine Kollegin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp schreibt: „Es geht nicht darum, dass Frauen ein größeres Stück vom Kuchen bekommen. Es geht darum einen komplett anderen Kuchen zu backen“ (Schrupp 2017). Das gilt nicht nur für Frauen, sondern für alle Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, der Religion, Klasse oder Hautfarbe ausgeschlossen sind.

Hannah Arendt unterscheidet in ihrem politischen Aufsatz ‚Die Freiheit, frei zu sein‘ zwischen ‚Befreiung‘ – also frei zu sein von Unterdrückung, und ‚Freiheit‘ – also die Möglichkeit, ein politisches Leben zu führen. Die uneingeschränkte Möglichkeit ein politisches Leben zu führen und die eigene Stimme sogar überproportional repräsentiert zu haben, haben auch in Deutschland und vor allem in diplomatischen Kreisen bislang nur weiße, männliche Personen.

Und um die Befreiung zu schaffen und die Freiheit zu erlangen brauchen wir Aktivismus – also Menschen, die sich aktiv für eine Veränderung einsetzen –  auch in der Diplomatie.

Ein hoffnungsvolles Beispiel hierfür ist das feministische Netzwerk innerhalb der Vereinten Nationen in New York, das ich während meiner Zeit beim Entwicklungsprogramm der VN kennenlernte. Dieses Netzwerk trifft sich regelmäßig mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern im System und stellt die Machtfragen: Wieso gibt es seit 70 Jahren keine Frau an der Spitze der Organisation? Und weshalb so wenige von ihnen in den Führungsetagen? Und wieso ist sexualisierte Gewalt die von UN-Mitarbeitern und Blauhelmen ausgeht so weit verbreitet und so wenig geahndet?

Aktivismus in der Diplomatie ist also unerlässlich, wenn wir als Gesellschaft Interesse an einer gerechteren Welt haben, denn Gesellschaft wächst an denen, die sie infrage stellen. Und diejenigen, die sie infrage stellen, die Aktivistinnen und Aktivisten, sind die effektivsten Treiber und Treiberinnen von sozialem Wandel. Die Aussage, Diplomatie und Aktivismus würden nicht zusammenpassen, hat nichts Geringeres zum Ziel als die Zementierung von Macht und Privilegien, derjenigen, deren Sein und Ideen in diesen Kreisen bereits als Standard betrachtet werden.

Eine feministische Außenpolitik kann diese Veränderung leisten und ist der vielversprechendste Weg dahin. Denn die herkömmlichen Paradigmen von Außenpolitik müssen von Grund auf dekonstruiert und ebenso die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern beachtet werden. Es geht also nicht darum Frauen zu zählen, sondern sicherzustellen, dass Frauen zählen (Paffenholz et al. 2016).


Kristina Lunz ist Mitbegründerin des Centre for Feminist Foreign Policy und leitet das Team in Berlin. Sie studierte 'Global Governance and Diplomacy' im Master an der Universität Oxford und arbeitete bis vor Kurzem beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen in NYC und Myanmar.


Literaturverzeichnis:

Cassidy, J.A. ed., 2017. Gender and Diplomacy. Taylor & Francis.

Paffenholz et al., 2016.  Making Women Count - Not Just Counting Women: Assessing Women’s Inclusion and Influence on Peace Negotiations, Inclusive Peace and Transition Initiative and UN Women

Rotmann, P. (Global Public Policy Institute) Munich Security Conference: A Marketplace of Order?, 06. Februar 2018.

Schrupp, A., In Zukunft ohne Frauenbilder, Frankfurter Rundschau, 08. März 2017.

Towns, A.E. and Niklasson, B., 2017. Gender, Status and Ambassador Appointments to Militarized and Violent Countries. In: Cassidy, J.A. ed. Gender and Diplomacy (pp.100-119). Taylor & Francis.