Elisabeth Motschmann

At the Centre for Feminist Foreign Policy, we seek to highlight those around the world who are working to promote gender equality and challenge the status quo. The people we interview occupy many different roles within NGOs, foreign policy, and charities, among many. Aside from their impressive careers, our interviewees are feminist actors with a wealth of advice (and book recommendations!).

Kristina Lunz (KL): Liebe Frau Motschmann, Sie sind Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU. Würden Sie mir kurz Ihren Karriereweg skizzieren? Wie sind Sie dort gelandet, wo Sie heute sind?

Frau Motschmann (M): Das ist ein langer Weg, weil ich bereits 1976 in die CDU Schleswig Holstein eingetreten bin und dann schnell stellvertretende Landesvorsitzende der Frauen Union wurde. 1987 sind wir als Familie nach Bremen gezogen und damit war ich alle Parteiämter los. Als ich gefragt wurde, ob ich wieder politisch aktiv werden wolle, war ich im ersten Augenblick wenig begeistert. Zu der Zeit arbeitete ich journalistisch und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber dann dachte ich: „Gut ich mache das.“ Man kann nicht nur klagen und dann am Rand stehen bleiben. Danach wurde ich 20 Jahre Stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Bremen und von 1991 bis 1999 Stellvertretende Vorsitzende der Bürgerschaftsfraktion Bremen. Außerdem war ich acht Jahre lang Staatsrätin für Kultur und Sport, bis die CDU in Bremen 2007 aus der Regierung gewählt wurde. 2013 hat man mich gefragt, ob ich für den Bundestag kandidieren möchte. Das habe ich als Möglichkeit gesehen, einen Schnitt gegenüber der Landespolitik zu machen. Ich wurde Mitglied des Auswärtigen Ausschusses.

KL: Welcher Moment hat Sie dazu bewegt, über Frauen in der Außenpolitik nachzudenken?

M: Als ich zum ersten Mal bei der Münchner Sicherheitskonferenz war, sah ich, dass maximal 20% der Teilnehmer*innen Frauen waren. Diese Frauen trafen sich am Rande der Konferenz im Morgengrauen. Ich fand es sehr merkwürdig, dass diese qualifizierten Frauen nicht sichtbar waren. Das war der Anfang für mein Buch, für das ich nationale Politikerinnen und Botschafterinnen gewinnen konnte. Mit der Außenministerinnen von Liechtenstein und den Botschafterinnen von Österreich und der Schweiz deckt das Buch den deutschsprachigen Raum ab.

KL: Mit den Erfahrung von der Münchner Sicherheitskonferenz, die sie ja gerade beschrieben haben, steigen Sie ja auch in Ihrem Buch “Female Diplomacy: Frauen in der Außenpolitik” ein. Ich wollte noch einmal einen Schritt davor ansetzten. Zu Ihren aktuellen Hauptthemen gehören unter anderem Innere Sicherheit, Wirtschaft, Arbeit und soziale Gerechtigkeit - gleichzeitig interessieren Sie sich für Außenpolitik. Woher kam Ihr großes Interesse und Ihre Leidenschaft für Außenpolitik? War das als man Sie zur Münchner Sicherheitskonferenz einlud?

M: Nein viel früher. Ich bin sehr viel gereist, u.a. in die Krisen- und Armutsgebiete der Welt. Was ich dort gesehen habe, hat mich sehr bewegt. Vor allem, dass die Frauen fast immer am härtesten betroffen sind, weil sie die Familien und ihre Kinder ernähren müssen. Insofern war mein Ansatz, dass wir nicht nur für Frauen im eigenen Land etwas tun müssen, sondern auch in anderen Ländern. Viele haben weder die politischen Freiheiten wie Meinungs- oder Pressefreiheiten und müssen um das tägliche Überleben kämpfen. Hinzu kommt, dass meine Familie väterlicherseits aus dem Baltikum kommt, wodurch ich eine besondere Affinität zu diesen Ländern habe. Dieses Zusammenspiel von Interessen hat mich dazu bewegt, mich bewusst für die Außenpolitik zu entscheiden.

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KL: Wir beim Center for Feminist Foreign Policy setzen uns für eine feministische Außenpolitik ein. Wir sind der Meinung, dass eine solche Außenpolitik immer zwei Ebenen

hat: die faire Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen, d.h. 50% aller Machtpositionen an Frauen, aber auch eine feministische Analyse aller außenpolitischen Entscheidungen und Instrumente, um aktiv zum Abbau von Ungerechtigkeiten weltweit beizutragen. Denn nur so kann nachhaltiger Frieden geschaffen werden. In unserem Interview hört es sich bislang so an, als ob Sie sich auch für beide Ebenen einsetzen. Durch Ihr Buch möchten Sie für mehr Repräsentation und Sichtbarkeit von Frauen in der Außenpolitik sorgen, und mit den Themen, für die Sie sich einsetzen, möchten Sie zum Abbau von Ungerechtigkeiten beitragen, vor allem von solchen, die Frauen und Mädchen betreffen.

M: Richtig, richtig.

KL: Schweden macht seit 2014 eine feministische Außenpolitik, Kanada arbeitet auch daran. Es gibt immer mehr Nachahmer und auch Deutschland kommt immer mehr unter Druck vor allem jetzt mit dem Sitz im Sicherheitsrat. Was denken Sie, wie weit ist Deutschland? Wann wird es in Deutschland eine feministische Außenpolitik geben, oder was fehlt noch?

M: Unsere Außenpolitik ist maßgeblich von Frauen bestimmt. Wir können sehr dankbar sein, dass wir eine Kanzlerin und eine Verteidigungsministerin haben, die an internationalen Verhandlungen teilnehmen. Die Kanzlerin setzt sich sehr dafür ein, dass sich die Lebensbedingungen von Menschen in Afrika und Asien deutlich verbessern, damit auch diese Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen. Sie versucht auch, schwer genug ist es, aus vielerlei Gründen wie zum Beispiel Populismus, Europa zusammenzuhalten.

Mich ärgert es, dass so wenige Frauen in den Medien zu diesem Thema sprechen. Die Terrorismusexperten sind meistens Männer. Und warum macht Maybrit Illner eine Talkshow über Donald Trump ohne eine einzige Frau? Das finde ich schwierig, dadurch werden Frauen nicht ermutigt oder sehen keine Vorbilder, die sich auf dem Feld sicher und gut bewegen.

Nun habe ich das große Glück, mich für jungen Frauen einsetzen zu können, ohne dass man mir den Vorwurf macht, nur pro domo zu kämpfen, um Karriere zu machen. Das liegt ja, wenn man so will, hinter mir.

KL: Unheimlich wichtig. Auch an uns treten immer wieder Jüngere heran, die es sehr spannend finden, was wir machen. Endlich kommen im außenpolitischen Kurs Themen auf die Agenda, die sie als wichtig erachten statt ausschließlich Männer dominierte Diskussionen und Lebensrealitäten. Und viele finden, dass sie sich jetzt auch mehr damit identifizieren können und sehen zum ersten Mal einen Zugang. Wie genau kann man am besten für junge Frauen das Feld Außenpolitik öffnen, wo doch eigentlich fast nur Männer dasitzen?

M: Wir müssen die Berufe, zum Beispiel im Auswärtigen Dienst und den Botschafter Beruf, frauenfreundlicher machen. Die Schweizer Botschafterin schildert in meinem Buch, dass sie dafür gesorgt hat, dass man Job-Sharing auch als Botschafter machen kann. Man kann darüber nachdenken, ob die Intervalle in Deutschland bzw. im Ausland verlängert werden, wenn die Familien kleinere Kinder haben. Dadurch kann man die Berufe im Auswärtigen Dienst attraktiver für Frauen machen.

KL: Um Außenpolitik anders zu gestalten, inklusiver zu gestalten, müssen ganz klar bestimmte Menschen Macht abgeben, damit Macht fair verteilt wird. Wie kommen wir dahin, dass Männer ihre Macht abgeben? Sodass bei der nächsten Münchner Sicherheitskonferenz nur die Hälfte der Plätze an Männer gehen?

M: Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen und wir müssen versuchen, Mehrheiten für Frauen zu organisieren. Da sind wir auch selbst sehr gefordert. Wir müssen Frauen dazu ermutigen, in die Parteien zu gehen, damit sie wahlberechtigt sind, wenn es um Listenplätze und Direktkandidaturen geht. Denn an den Mehrheiten - wir sind eine Demokratie - kommen wir nicht vorbei. Ich glaube auch, dass jede Frau, die qualifiziert auf diesem Feld arbeitet, Anerkennung und Chancen bekommt. Das habe ich selbst gesehen. Aber freiwillig gibt niemand Macht ab. Darüber hinaus schildert Frau von der Leyen in ihrem Beitrag die Beförderungspolitik in Ministerien und hat den schönen Satz gesagt, „Schmidt sucht Schmidtchen.“ Männer ziehen meistens Männer nach sich. Das muss sich ändern. Es muss klar sein, dass man für jedes Amt auch eine Frau vorschlagen oder gewinnen kann. Daran müssen die Frauen arbeiten, die jetzt schon im politischen Geschäft sind, damit jungen Frauen davon profitieren können. Meine Generation profitiert ja auch von dem, was vorher Frauen für uns erkämpft haben.

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KL: Meine letzte Frage, bezeichnen Sie sich als Feministin und wenn ja, wie schwierig ist das in einer konservativen Partei wie der CDU/CSU?

M: Ich tue mich ja immer noch schwer mit dem Wort „Feministin“. Ich möchte so vorgehen, dass ich nicht sofort auf Widerstand stoße, sondern indem ich überzeuge; indem ich gute Arbeit mache, indem ich auch mal schmunzelnd bestimmte Dinge sage. Ich habe neulich in einer großen Gesellschaft bei einer ausschließlich männlich besetzten Podiumsdiskussion gesagt: „Das sieht ja aus wie bei Herrn Seehofer mit acht männlichen Staatssekretären.“ Worauf hin alle gelacht und mir alle Frauen hinterher gedankt haben. Denn das hat gesessen und die Veranstalter werden so ein Podium nicht mehr besetzten.

KL: Ich glaube es liegt eher daran, wie viele Menschen in Deutschland den Begriff Feminismus negativ verstehen, was er ja gar nicht ist. Wir haben inzwischen sehr viele angesehene Leute wie zum Beispiel Barack Obama, Justin Trudeau, Béyonce, die alle Feministen und Feministinnen sind, nur in Deutschland kriegen wir das nicht hin, den Begriff aus dieser dunklen Ecke aufgrund von Strukturen herauszuholen.

M: Das ist richtig. Das liegt natürlich daran, dass die ersten Feministinnen von den Männern überhaupt nicht verstanden wurden. Die Männer haben sich dagegen gewehrt. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Familie und die Kinder auch einen Platz in unserem Leben haben sollen. Und deswegen dürfen wir uns dafür einsetzen, dass eben beides geht: Familie und Beruf.

KL: Vielen Dank. Das hört sich tatsächlich sehr feministisch für mich an.


Interview by Kristina Lunz, Co-Founder of CFFP and Germany Director. Twitter: @Kristina_Lunz


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